HACCP-Seminare

Seminare – Für Produktsicherheit kann manches getan werden

Im Spätherbst 1997 veranstaltete die Firma Florin in Willich zum Thema „Verordnung über Lebensmittelhygiene – Aktuelle Herausforderung für die Praxis“ ein Seminar innerhalb der Reihe „Lebensmitteltechnologie“. Mehr als 50 Teilnehmer aus der gesamten Lebensmittelindustrie waren dabei.

In den Vorträgen wurden die aktuellen Rechtsvorschriften und die Grundsätze des HACCP-Konzeptes erläutert sowie über die betrieblichen Voraussetzungen und die Vorgehensweise bei der Umsetzung der LMHV in die Praxis informiert. Experten stellten hierzu die notwendigen Methoden und Instrumentarien vor, u.a. zur Festlegung von Warn- und Grenzwerten, Organisation der Mitarbeiterschulung, Hygieneplanung und statistischen Prozessregelung. Des weiteren standen Methoden der Qualitätssicherung im kontinuierlichen Verarbeitungsprozess im Mittelpunkt. Es wurden u.a. Systeme vorgestellt, die mit Fremdkörpern kontaminierte Verpackungen und Produkte erkennen und automatisch ausschleusen könne. Außerdem wurden technische Lösungen für Verschlusssicherungen präsentiert.

Den Auftakt der Veranstaltung bildete ein Vortrag von Dr. Werner Henning, Leiter des Chemischen Untersuchungsinstituts Bergisches Land. Es wurden die Anforderungen der Lebensmittelhygiene-Verordnung vorgestellt, die am 08. Februar 1998 in Kraft getreten ist. Mit der LMHV wird „erstmalig eine prozessbegleitende Kontrolle verbindlich vorgeschrieben mit dem eindeutig definierten Ziel, dass nur gesundheitlich unbedenkliche Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden.“

Dr. Theo Smaczny, Qualitätsmanager und Mitglied der Geschäftsleitung der Appel & Frenzel GmbH in Düsseldorf, referierte über die „Festlegung von Warn- und Grenzwerten für die kritischen Lenkungspunkte“. Ein Lenkpunkt (CCP) sei hierbei jede Stufe oder jeder Schritt im gesamten Herstellungsprozess, an dem eine potentielle Gefährdung der Gesundheit des Verbrauchers besteht, welcher aber durch gezielte Maßnahmen verhindert, beseitigt oder auf ein akzeptables Niveau reduziert werden könne. Die Risikobeherrschung durch Festlegung von lenkungspunktspezifischen Warn- und Grenzwerten sei das Ziel jeder vernünftigen Qualitätsmanagement-Arbeit. „Qualität ist eine kontinuierliche unternehmerische Aufgabe“, stellte Herr Dr. Smaczny in seinem vielbetrachteten Referat fest.

Dr. Katja Zink, Mitarbeiterin der Firma Florin, führte das Thema „HACCP – Von der rechtlichen Theorie zur Umsetzung in die Praxis“ aus. Die Verordnung als solche lasse dem Anwender ausreichen Spielraum, um verhältnismäßig und flexibel in die Praxis umgesetzt zu werden. Dabei sei die Dokumentation von entschiedener Bedeutung für die betriebliche Eigenkontrolle, da ohne Dokumentation aller Maßnahmen, Vorgänge und Beobachtungen ein HACCP-Konzept nicht verwirklicht werden könne.

Über die Organisation, Bedeutung und Inhalte der Mitarbeiterschulung, die eine rechtliche Forderung der LMHV darstellt, informierte Dr. Heinz Meyer, ehemaliger Leiter des Qualitätsmanagement der Nestlé Deutschland AG. Bei den Schulungen sollte nicht nur der Stoff vermittelt werden. Vielmehr müsse der Mitarbeiter auch so motiviert werden, dass er in der täglichen Praxis danach handelt. „Jeder, der eine Schulungsaufgabe übernimmt, muss sich anpassen. Er kann nicht einfach erzählen, was er weiß und gelernt hat. Primär sind die Voraussetzungen und Schwierigkeiten der Lernenden zu berücksichtigen“, resümierte Dr. Meyer aus seiner jahrzehntelangen Praxis.

Produktions- und Personalhygiene mit System stellte Uwe Bestgen von der Firma Schülke & Mayr, Norderstedt, in seinem Referat „Hygieneplanung als Fundament des HACCP-Konzeptes“ vor. In einem Hygieneplan sollten alle für die Betriebshygiene notwendigen Angaben, z.B. zu tragende Kleidung, das Verhalten bei Erkrankungen, das Vorgehen bei Reparaturen u.ä. enthalten sein. Der Reinigungs- und Desinfektionsplan könne immer nur Bestandteil einer lückenlosen Betriebshygiene ist der Hygieneplan.

Christian Döhm von der Sycon Beratungsgesellschaft mbH, Schwalmtal, stellte die Vorteile der statistischen Prozessregelung in der Lebensmittelindustrie vor. Anhand von Beispielen aus Industrieprojekten wurde gezeigt, dass bei konsequenter Umsetzung von SPC (Statistical Process Control) eine Ausschussminderung von bis zu 90 % erzielt werde, bei gleichzeitiger Transparenz der Prozesse. Die Reduktion des Ausschusses ziehe wiederum weniger Nacharbeit, niedrige Personalkosten, geringeren Rohstoff- und Energieeinsatz, höhere Liefertreue etc. nach sich.

Ein Beispiel für SPC: Bei Betrachtung der Werte innerhalb der Spezifikationsgrenzen scheint im großen und ganzen alles zu stimmen. Dass der Mittelwert des Prozesses nach oben verschoben ist, kann jedoch eine Menge Geld kosten. Würde es sich um Produktgewichte handeln mit einem Zielwert von 475 g, dann wird sofort klar, dass die augenblickliche Fahrweise sehr teuer ist.

Bernhardt Heuft, Geschäftsführer der Heuft Systemtechnik GmbH, Burgbrohl, informierte über Qualitätsprüfungen von Fertigpackungen im kontinuierlichen Verarbeitungsprozess. So werden u.a. Leerflaschen- und Leerglasinspektionsanlagen mittels CCD-Technologie im Linearverfahren bis zu 1.200 Behältern pro Minute bei stehender Ausschleusung vorgestellt.

Über die „Elektronische Sortierung von Lebensmitteln“ mittels Infrarot-, Kamera- und Lasertechnik sowie über die „Detektion von Fremdkörpern mit Röntgenstrahlen“ referierte Dirk Schindler von der Firma Barco Maschine Vision Systems aus Eindhoven, Holland. Mit der Röntgentechnik können sowohl verpackte als auch unverpackte Lebensmittel untersucht werden. Es können Fremdkörper wie Steine, Glassplitter, Metallteile, Knochen und einige Kunststoffe mit höherer Dichte, z.B. Teflonteile, sicher erkannt und automatisch aus dem kontinuierlichen Verarbeitungsprozess ausgeschleust werden. Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Röntgentechnik wurden den Seminarteilnehmern an einem Röntgengerät praktisch demonstriert.

Dr. Jürgen Schrauf von der TÜV Bau- und Betriebstechnik GmbH in Frankfurt stellte sich den Fragen der Seminarteilnehmer zur Bestrahlung von Lebensmitteln mit Röntgenstrahlen und zur Gefährdung für Bedienpersonal durch Röntgenstrahlen bei entsprechenden Anlagen. Die Schlussfolgerungen lauteten zusammengefasst: „Eine Aktivierung der Lebensmittel ist ausgeschlossen. Die minimale Energie, die zu einer Aktivierung führt, liegt um einen Faktor ca. 16 über den in den o.g. Röntgengeräten verwendeten Energien. Werden die Grenzwerte der RöV so eingehalten, dass sich der Kontrollbereich auf den Innenraum der Röntgenanlagen beschränkt, ist der Aufenthalt für jegliches Bedienpersonal neben der Anlage im Sinne der gesetzlichen Vorschriften unbedenklich.

Den „Einsatz von Metallsuchgeräten in der Lebensmittelindustrie“ stellte Druvis Udris von der Florin GmbH vor. Das Referat wurde ergänzt durch Vorführungen an einem Metalldetektor.

Über den „Verbraucherschutz durch Verschlusssicherung“ informierte Dr. Joachim von Meyer von der Firma Anker in Hamburg. Als „Tamper Proof“ wird zuerst ein separater Papierstreifen als Sicherungsetikett auf Verschluss und Glas aufgeklebt. Auf der zweiten Etikettierstation wird dann das Rumpfetikett exakt mittig über den Sicherheitsstreifen aufgebracht. Durch diese technische Neuheit wären die Verbrauchskosten bei der Etikettierung mit Verschlusssicherung deutlich gesenkt worden, so Dr. von Meyer.

Effiziente Verschlusssicherung (Tamper Proof) bei Glaskonserven: Das neuartige System des Etikettiermaschinenherstellers Anker bringt Rumpf- und Verschlussetiketten getrennt voneinander auf, was zu Kosteneinsparungen führt. Der Sicherheitsstreifen folgt genau der Kontur des Glases, wodurch ein Einreißen bei der nachfolgenden Verpackung vermieden wird.

Eine Alternative zum Sicherheitsetikett stellte Wolfgang Kahmann von der Züchner Verschlüsse GmbH in Seesen vor. Sein Thema: „Verschlusslösungen mit Originalitätsgarantie für Gläser und Flaschen“. Es wurden verschiedene Systeme der Nockendrehverschlüsse aus Weißblech vorgestellt, die die Originalität der Verpackung garantieren, z. B. Verschlüsse mit Vakuum-Knopf (Flip-Button) oder den „Combo“-Verschluss, der eine Kombination von Metalloberfläche und Kunststoffrand mit Temper-Evident-Ring darstellt. Für Babynahrung gewährleistete der Weißblechverschluss „PT Plus“ mit einem integrierten Sicherheitsband aus Polypropylen besondere Sicherheit.

Die „Reduzierung des Gefahrenpotentials bei der Verarbeitung und Abfüllung von Glasbehältern“ stand im Mittelpunkt des Referats von Detlef Kagelmacher von der Firma Florin. Mit praktischen Beispielen wurden Möglichkeiten aufgezeigt, die Gefahren des Glasbruchs im Verarbeitungsbetrieb minimieren und die Kombination der Lebensmittel mit Glasscherben bzw. -splittern zu vermeiden.

Abschließend informierte Ralph Pohl von der Metec Qualitätssicherungssysteme GmbH, Niederzissen über die „Qualitätssicherung durch Bildverarbeitungssysteme“. So sei es möglich, mit CCD-Farbkameras Kochschinkenportionen mit zu hohem Fettanteil, mit erhöhten Sehengehalt oder solche mit Fleischfehlern wie Blutgerinseln automatisch vor der Verpackung aus Produktionsstrom auszugliedern – und das bei einer Anlagenleistung von 120 Stück/min. Als weiterer Schwerpunkt wurde die Verpackungs- und Ausstattungskontrolle vorgestellt, z. B. die zuverlässige Erkennung und automatische Ausschleusung von Verpackungen mit falscher, unvollständiger oder gar fehlender Signierung.

Die Seminarreihe „Lebensmitteltechnologie“ der Florin GmbH wird fortgesetzt.